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Übersicht 2010

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Gesucht – gefunden

Ich habe mir immer eine richtige Familie gewünscht: Mit Mama und Papa und einem großen Bruder, der mich beschützt und vielleicht noch einem Kleinen, dem ich hätte sagen können, wo´ s lang geht. Aber das einzige, was ich von all dem hatte, war meine Mutter. Außerdem gab es noch Onkel Heinz und vorübergehend ein Streifenhörnchen, das Onkel Heinz von einer seiner Vertreterreisen mitgebracht hatte, um Mutti eine Freude zu machen. Das war ihm voll und ganz gelungen. Zebra, so nannten wir das Nagetier, schaffte es dank seiner Kauwerkzeuge nämlich regelmäßig, sich aus seinem Käfig zu befreien, was zu wilden Verfolgungsjagden führte. Als das possierliche Tierchen anfing den Wohnzimmerschrank anzunagen, musste Onkel Heinz es wieder mitnehmen auf seine Vertretertour und irgendjemand anderem andrehen. Als Gratisgeschenk. Er protestierte und beteuerte, dass Zebra in Kürze Winterschlaf halten würde und daher gar keinen Ärger machen konnte. Aber meine Mutter blieb hart: „Es reicht!“, sagte sie. „Das nächste Frühjahr kommt bestimmt.“

Onkel Heinz war Vertreter in Sachen Druckkochtöpfe. Hochmoderne Geräte, die vitaminschonend Gemüse und anderes garten. Er hatte sich mit meiner Mutter selbständig gemacht: „Druckkochtöpfe Topfmann und Co.“ Mutter versteckte sich hinter dem ‚Co.’, weil ihr Nachname Püttmann war und das passte nicht so gut zum Produkt. Aber irgendwann müssen alle Hausfrauen im Ruhrgebiet einen Druckkochtopf im Schrank gehabt haben. Auf jeden Fall machte die Firma pleite und damit verschwand auch Onkel Heinz aus unserem Leben.

Meine Mutter war modern, hatte stets rosa lackierte Fingernägel und ging alle zwei Wochen zum Friseur. So modern, dass sie mir präzise Auskunft über meinen Vater gegeben hätte, war sie allerdings nicht. Ich erfuhr lediglich, dass er immer gegen die Nazis gewesen sei. Emotional hab ich mich da richtig reingesteigert. Wenn ich in der Schule nach meinem Vater gefragt wurde, bekam ich feuchte Augen und sagte mit gedrückter Stimme, dass er Widerstandskämpfer war. Das hat immer gewirkt. Keiner hat sich getraut, genauer nachzufragen, und ich musste keine weiteren Lügen erfinden oder zugeben, dass ich unehelich war.

Mutter bekam nach der Firmenpleite mit Onkel Heinz irgendwann einen Bürojob bei Thyssen. Sie wollte, dass ich es einmal besser habe als sie und deshalb hat sie mich aufs Gymnasium geschickt. Das ist eine ihrer unumstritten guten Taten.

Ich habe erst spät geheiratet. Irgendwie sind mir die Männer immer weggelaufen. Wie meiner Mutter. Bis dann Klaus kam. Er hatte gerade einen Film über Katzen gedreht, der mir mächtig imponierte: Majestätisch schlichen die Tiere auf irgendwelchen Industriebrachen durch hoch aufgeschlagenes, wildes Gras. Das Revier wirkte wie ein Riesendschungel. Ich selbst hatte zwei Katzen, einen schwarzweißen Straßentiger und eine weiß-braune Dame. Klaus besaß einen kleinen Panther. Irgendwann haben wir dann unsere Katzen und Möbel und alles, was wir sonst noch hatten, zusammengeschmissen. Ich war Mitte vierzig und rückte mit einem 3,5-Tonner an. Er war gerade über fünfzig und brachte seine Sachen in einem Anhänger mit. Ich arbeitete seit mehreren Jahren in einer guten Position als Kulturamtsleiterin. Er war freier Künstler. Zumindest konnte man das nach außen so kommunizieren, denn außer dem Katzenfilm hat er lange künstlerisch nichts mehr hervorgebracht. Klaus machte auf Katzenvater und Hausmann. Und das wäre auch ok gewesen, wenn er sich nicht nach einiger Zeit aufs Kochen spezialisiert hätte. Wochenlang bekam ich nur noch karamellisierte Speisen: Möhren, Putenbrust, Zwiebeln, Hähnchengeschnetzeltes, Teltower Rübchen – alles karamellisiert. Klebrig, Fäden bildend und langweilig zog sich der Karamell durch unser Essen und den Alltag.

Ich brauchte dringend Abwechslung und startete das Projekt Suche nach meiner Herkunftsfamilie. (…)

Monika Littau
Vollständiger Text in: 'n paar Schoten - Geschichten aus'm Pott 2
Heike Wulf (Hrsg.), SL Verlag, 2012